Die Geschichte des Abendgymnasiums

Die Idee

Die Idee entstand nach 1945: Damaliges Ziel war, den Benachteiligten des II. Weltkrieges die Chance zu geben, das Abitur nachzuholen. Im Jahre 1957, inmitten des Kalten Krieges, versetzte der sogenannte Sputnik-Schock, der Start des ersten sowjetischen Sputniks, die westliche Welt in Alarmbereitschaft. Um im wirtschaftlichen und technischen Wettstreit mit dem Ostblock nicht zu unterliegen, sollte das deutsche Bildungssystem grundlegend reformiert, der zweite Bildungsweg ausgebaut und die Begabtenreserven besonders im ländlichen Raum mobilisiert werden. Da schienen Abendgymnasien genau das Richtige zu sein.

Gründung des Abendgymnasium Reutlingen (AGR)

1967 war es dann in Reutlingen soweit: Die Junge Union Baden-Württemberg regt im Rahmen ihrer Aktion "Nützt Eure Bildungschancen" die Einrichtung eines Abendgymnasiums an. Die VHS übernimmt die Trägerschaft, die Stadt unterstützt das Vorhaben.

32 Bildungspioniere wagen den Einstieg in den ersten Kurs. 14 von ihnen machen 3 1/2 Jahre später das Abitur. Chancengleichheit ist das gesellschaftspolitische Schlagwort; der Zulauf ist riesig, die Schülerzahlen steigen und steigen und erreichen 1974 ihren Höchststand: 235 Schüler werden in 11 Klassen von 55 Lehrern unterrichtet.

Die Bedingungen

Die Bedingungen sind jedoch, verglichen mit heute, alles andere als optimal und verschlechtern sich noch:

Die Unterrichtsräume sind über die ganze Stadt verteilt.
Es gibt Schwierigkeiten mit der Lehrerversorgung und bei der    erwachsenengerechten Anpassung der Lehrpläne.
Die Schulbehörde erhöht die wöchentliche Unterrichtszeit
   von 17,5 auf 22 Stunden
Die Schulzeit wird von 3 1/2 auf 4 Jahre verlängert
Der halbe Bonuspunkt für Abendgymnasiasten bei Bewerbungen in    Numerus-clausus-Fächern wird gestrichen.

All dies führt zu einem drastischen Rückgang der Schülerzahlen.

Es geht aufwärts ...

Zu Beginn der 80ger Jahre wendet sich das Blatt.

Das Abendgymnasium erhält ein eigenes Gebäude, den Pavillon
   in der Moltkestraße. Nur noch Physik und Chemie werden auswärts    unterrichtet.
Die Schülerzahlen pendeln sich auf einem stabilen Niveau ein.
Die Frauen sind auf der Überholspur! Waren 1967 unter den
   32 Teilnehmern der ersten Stunde gerade einmal 6 Frauen,
   besuchen seit 1980 in der Regel mehr Frauen als Männer das    Abendgymnasium.
1984 wird das Kurssystem erfolgreich eingeführt, das der Arbeitsweise    von Erwachsenen sehr entgegenkommt.
Viele junge Gymnasiallehrer, die Opfer des Einstellungsstopps an    Normalgymnasien geworden waren, übernehmen jetzt langfristig    Unterricht als Vertragslehrer.

... und wieder abwärts

In den 90er Jahre sinken die Schülerzahlen erneut. Dieses Mal sind die Gründe jedoch nicht schulischer, sondern wirtschaftlicher Natur. In einer Phase hoher Arbeitslosigkeit und schlechter Berufsaussichten für Studienabgänger sind viele junge Erwachsene nicht mehr bereit, ihren sicheren Arbeitsplatz aufzugeben, um die letzten 1 1/2 Jahre des Abendgymnasiums im Tagesunterricht zu absolvieren, wie es seither üblich war. Um diesem Problem zu begegnen, findet der Unterricht seit 1995 nur noch abends, also berufsbegleitend statt, wobei für die letzten drei Halbjahre wie bisher eine Bafög Unterstützung möglich ist, wenn nicht gearbeitet wird.

1997 hat sich die Raumsituation nochmals verbessert: Als einziges Abendgymnasium in BaWü hat das AGR jetzt ein eigenes, schön renoviertes Schulhaus, in dem sich alle Beteiligten sehr wohl fühlen.

...und wie geht es weiter im neuen Jahrtausend?

Die Schülerzahlen steigen wieder, das Interesse an Weiterqualifikation und besseren Berufschancen ist ungebrochen. Die Interessenten sind jünger, die Zusammensetzung der Gruppen multikulturell. An einigen Abendgymnasien wird mit neuen Zeit- und Unterrichtskonzepten experimentiert, die mit den Gegebenheiten des heutigen Berufs- und Familienlebens besser vereinbar sind als der reine Abendunterricht. Zu nennen wären das "Freitagabend+samstags-Modell" für Berufstätige, das "Vormittags-Modell" für Mütter oder die Einbeziehung des Online-Lernens über das Internet. Doch um beispielsweise das Wochenend-Modell, das in Stuttgart schon erfolgreich praktiziert wird, auch in Reutlingen anbieten zu können, mangelt es im Moment an Lehrern. Denn der sich anbahnende Lehrermangel an Tagesgymnasien führt leider schon jetzt zu Engpässen in einigen Bereichen der Erwachsenenbildung. An Lösungen dieses Problems wird momentan gearbeitet und der Wochenendunterricht bleibt auf der Tagesordnung.

 


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